Reich und Schön

22.03.   Bafa – Bodrum:                              90km, ↑↓: 850m

 

23.03.   Bodrum – Datca:                            50km,  (davon 40 mit Fähre) ↑↓: 50m

 

24.03.   Datca – Marmaris:                         70km, ↑↓: 619.03  0m

 

25.03.   Marmaris – Dalyan:                       113km, ↑↓: 300 + X m (mit Dolmus Rettung)

 


 

Die Etappe Bafa Bodrum ist weit und hügelig und führt im Landesinneren parallel zur Küstenlinie zunächst südöstlich nach Milas und später dann südwestlich auf die Halbinsel mit der Hafen- und Spassmetropole Bodrum. Da taucht dann auch wieder das Meer auf – türkis und Reiseprospekt-mäßig schön mit den kleinen Buchten. Trotzdem führt mich der Weg von Bafa bis Bodrum durchgängig auf der unterschiedlich stark befahrenen vierspurigen Bundesstraße. Man muss Asphalt in seinen unterschiedlichen charakterlichen Ausprägungen schon sehr interessant finden, um über Stunden von den verschiedenen Oberflächenstrukturen und Farben und Ausbesserungsbemühungen gut unterhalten zu sein. Mir gelingt es nicht immer. Drum freu ich mich, dass vor Milas eine Abkürzung auf einer kleinen Straße in die Felder abbiegt: Ein paar Kilometer ohne den Verkehrslärm. Zurück auf der Bundesstraße nähert man sich Bodrum – in Reiseprospekten wird das vermutlich als pulsierende Hafenstadt mit buntem Straßenleben angepriesen. Schon der Weg dorthin ist gesäumt von Baustellen, aus denen immer neue Hotelburgen wachsen. Immer größere Löcher werden in die Hügel mit Kiefernwäldern gerissen. Und hier sieht man Bodrum noch nicht einmal. Dazu muss ich nochmal 200 Meter über eine Hügelkette schnaufen und dann liegt Bodrum unter einem – an sich dann doch schön: Typisch für die Stadt sind die einheitlichen weißen Häuser mit den typischen Flachdächern – Wasser blau, Häuser weiß, Wälder grün, Felsen grau – das ist schon ganz hübsch und aller Ehre wert, dass sich hier die großen Ketten keine Bunker haben hinbauen dürfen – die stehen allerdings über die restliche Halbinsel verstreut wie Metastasen. Bodrum ist nicht so schlimm, wie man meinen möchte, zumindest nicht um diese Jahreszeit. Hier stand mal eines der 7 Weltwunder der Antike – das Grabmal des Mausolos – König von Karien. Leider geebnet durch Erdbeben. Eine Burg gäbe es noch, aber dafür bin ich zu spät dran – außerdem muss ich noch das Ticket besorgen für die Fähre nach Datca am nächsten Tag. Die Touristen Hochburgen in Meer-Nähe dieser Welt ähneln sich: T-Shirt Laden, Döner Laden, Gucci Laden, Schmuck und Krempel Laden, Badelatschen und Taucherbrille-Laden, Fisch-Restaurant, Wechselstube, irgendeinen Kack Lounge, wo man auf Polstermöbeln in ein nachmittägliches Passivitäts-Koma wegdämmern kann, während Drinks mit Schirmchen an einem vorbeigetragen werden. Es gibt einen Disco-Katamaran, die Anlegestelle ist blau ausgeleuchtet, Nachts gibt das einen super Effekt. In Erinnerung bleiben wird mir in Bodrum die Masse an adipösen Straßenkötern, die wie erschossen auf der Straße herumliegen. Ich weiß nicht welche Futterquelle die Hunde gefunden haben, Buttertorte oder Baclava – aber es gibt reichlich und für alle.

 

Die Fähre nach Datca verlässt den Hafen – das Schiff ist mit Abstand der wrackigste Pott zwischen all den Gigayachten. Abends an den geleckten Booten entlang zu schlendern ist schon auch super, sind ja auch schön und elegant, so große Segelyachten. Die meisten aber liegen in der Marina, die man nicht betreten darf, so man keine Yacht sein Eigen nennt – die Reichen sind halt doch am liebsten unter sich und lassen ihren Reichtum nur von außen durch 3 Meter hohe Zäune bewundern. Jetzt vom rostigen Fährboot aus sieht man kurz die bizarren Multi-Millionärs Superkähne, leck mich am Arsch, da haben ein paar Wenige sich ihr Hobby ganz schön was kosten lassen.

 

Datca: die nächste Halbinsel Richtung Süden taucht auf – von der Fähre in die kleine Ortschaft Datca sind es keine 20km. Datca ist ein bisschen die lokale Variante von Bodrum – hier sind die Türken mit Geld in der Sommerfrische – aber weil bei den sonnenverwöhnten Türken bei 20°C noch winterliche Gefühle vorherrschen, ist das Dorf noch ein bisschen eingemottet und wartet auf den Besucheransturm.  Anders als in Bodrum gibt es aber auch ein Leben jenseits des Tourismus und einen Wochenmarkt und eine Einkaufsstraße mit den klassischen Geschäften des türkischen Alltags – Metallgerätschaften, Gartengerätschaften, Bäckerei und Fleischhauer, Pideria und Barbier, …. Von einem der Eisenwarenhändler kaufe ich ein Messerchen, mit dem an sich Obstbäume veredelt werden – sprich: sauscharf. Auf dem Wochenmarkt entdecke ich Erdnüsse in Honig geröstet und in Sesam paniert. Ich kaufe eine Tüte, esse eine Handvoll und fühl mich wie ein Hund in Bodrum. Im Hafenbecken üben die Kinder das Segeln in kleinen Optis. Abends sitze ich in einem Restaurant am Strand, wacklige Stühle und Tische im Sand, daneben rollen bescheiden ein paar Wellen auf den Strand. In ausrangierten Wachmaschinentrommeln brennen Feuer für die wenigen Gäste, verbrannt werden zerlegte Europaletten. Ich vertreib mir die Zeit und schmeiss mehr und mehr Holz in die Tonne – als der aufkommende Wind ins Feuer fährt, bin ich überrascht wie es fast die anderen Gäste flambiert, die ein bisschen näher an der Feuertrommel sitzen. Für den nächsten Tag ist Sturm mit Windspitzen über 80 km/h angesagt, zwar nicht gerade von vorne, aber tendenziell schon…

 

Tendenziell von vorne ist bei hohen Windgeschwindigkeiten auch ziemlich bremsend, stelle ich am nächsten Tag fest, als mich das Navigationsprogram Richtung Marmaris navigiert. Zunächst auf einer sandigen Piste am Meer entlang, die Staubfahnen wehen von den trockenen Äckern über den Ziehweg und aufs Meer. Dann auf einer Bundesstraße, die aber am Sonntagmorgen außer mir von niemandem befahren wird – und das ist wirklich großartig und schon in Kroatien habe ich das auf den stürmischen Inselfahrten geliebt, wenn man so eine Straße durch großartige Natur ganz für sich alleine hat. Mehrfach klettert die Straße auf die Höhenzüge, oben pfeift der Wind, aber die Sonne scheint und an geschützten Stellen lässt sich super Mittagspause machen und über die Berge und Küste sehen. Ich treffe ein paar GS Fahrer (BMW, R1200GS, Motorrad), mit denen ich kurz ins Gespräch komme. Immerhin fast gleiches Motorrad zu Hause …Sie erzählen, dass sie am verbleibenden Nachmittag noch schnell nach Izmir raufbügeln. Wie lange bin ich seit Izmir unterwegs?

 

Von einem letzten Hügel geht’s in weiten Bögen runter nach Marmaris – die letzte der Spaßburgen mit Yachtbetrieb. Aber die Stadt ist größer als Bodrum und so hat man nicht ganz so sehr das Gefühl deplaziert und uneingeladen auf einer Party von Schiffseignern geraten zu sein. Es gibt sogar einen kleinen Altstadtkern, vorgelagert auf einem Felsen, Burg, Mauer und ein paar verwinkelte Gässchen. In den Straßen üben ein paar Jungs ziemlich abgedrehte Akrobatik. Obenauf hat sich eine Bar festgesetzt, mit einem Raki nehme ich Abschied vom „pulsierenden Stadtleben“ und bereite mich innerlich schon mal vor auf die Tour des nächsten Tages nach Dalyan. In Dalyan gibt es Felsengräber zu bewundern, nebst den Überresten griechischer und römischer Bauaktivitäten. Theater und Agora. Vor allem aber die Felsengräber sind berühmt. Und die unechte Karettschildkröte.

 

Die Geschichte Kaunos geht zurück bis 1000 vor Christus – hier verläuft die Grenze zwischen Karien und Lykien. Ursprünglich liegt die Stadt am Meer, es gibt einen Hafen und der Handel mit Sklaven und Salz macht die Stadt reich. Die berühmten Felsengräber entstehen so 400 – 200 vor Christus, es sind aus dem Felsen gehauene, Tempeln nachempfundene, Mausoleen, die in einer steilen Felswand ungefähr 100 Meter über dem Tal in einer fast senkrechte Felswand liegen – bestimmt zwanzig nebeneinander – das sieht imposant aus und ist schwer zugänglich.  Abends scheint die Sonne drauf, nachts erleuchten inzwischen Scheinwerfer die Felsengräber.

 

Kaunos lag am Meer, doch mit der Verschiebung der Küstenlinie und die Bildung des Sumpfdeltas ist die Stadt eine Malariahölle geworden, Handel ohne den Hafen war auch schwierig und irgendwann (ca. 1200 n.Chr.) wurde Kaunos verlassen. Erst in den 1950er Jahren, nach Ausrottung der Mückenplage wurde die Gegend für Fischer interessant und so wurde Dalyan gegründet – türkisch für Fischreuse - am Ufer des Flusses und gegenüber der Felsengräber. Wenig später wurde der internationale Tourismus auf den sagenhaften Strand aufmerksam und schon wurden größenwahnsinnige Hotelkomplexe geplant. Aber Caretta caretta – die unechte Karettschildkröte kommt hierher und verbuddelt ihre Eier im Sand. Durch den internationalen Protest engagierter Umweltschützer konnte tatsächlich der Bau der Hotels verhindert werden. Wie selten aber wie geil, oder? Und die Fischer haben ihre Boote zu Touribarkassen umgebaut und schippern jetzt die Tagesbesuchergruppen durch die verschlungenen Wasserwege zum Strand, zum historischen Hafen und unter den Felsengräbern entlang. Viele kleine Hotels haben sich hier angesiedelt und das Angebot an Bars und Restaurants bemerkenswert für die Größe Dalyans.

 

Da also will ich hin – und das Spitzen Navigationsprogramm Komoot hat sich auch schon einen sagenhaften Weg für mich ausgedacht – über eine Reihe von kleineren Pässen kann ich direkt nach Südosten durchstechen und muß nicht einen 100km Umweg um die küstennahen Berge machen. Der Weg verspricht anstrengend aber schön zu werden. Vor allem anstrengend stelle ich fest: Der Wind pustet mir entgegen egal in welche Richtung ich fahre, es geht so steil bergauf, dass ich die meiste Zeit im ersten Gang in Zeitlupentempo die Straße heraufkrieche, selbst bergab muss ich treten, weil der Wind so bremst und der Straßenbelag so übel ist. Eigentümliche verlassene Militärposten tauchen am Wegesrand auf – irgendwas türkisches sieht aus wie ein Verbotsschild. Aber umdrehen tu´ ich jetzt nicht, seit einer guten Stunde quäl ich mich über die Straße. Auf einen bloßen Verdacht hin mache ich jetzt bestimmt nicht kehrt.  Und der Militärposten war ja nicht besetzt – und es kann ja auch schwerlich sein, dass die einzige direkte Verkehrsverbindung zwischen Marmaris und Dalyan gesperrt ist – man wird ja kaum dem gesamten Touri-Verkehr einen 80km Umweg zumuten, weil sich das Militär einen Bucht , ….ne jetzt. Bestimmt nicht. Und BITTE! So etwas wie ein militärisches Sperrgebiet wird ja wohl in einem Navigationsprogramm mit 100 Warnflaggen und großen roten Warnhinweisen  ausgewiesen sein… oder?

 

Oder?

 

Zum Glück finde ich 2 Stunden später ein Dolmus, einen Minibus, der mich – wieder zurück in Marmaris – aufliest und freundlicherweise um die Berge herumfährt. Das Rad sitzt majestätisch über eine gesamte Sitzreihe. Ich kauere grantig am Rand. Von der Hauptstraße sind es nochmal 20km nach Dalyan – bei Gegenwind, aber immerhin ist es flach und es gibt keine militärischen Sperrgebiete. Das Verbotsschild auf dem Sattel, den ich 30 Minuten später erreicht hatte war am Ende doch unmissverständlich, unübersehbar und zweisprachig: Keinen Schritt weiter! Eine andere Option als Umdrehen gab es nicht.

 

Aber Dalyan ist super. Den Dorfplatz ziert eine großes Karettschildkröten Denkmal – in Anerkennung der ersparten landschaftlichen Verunglimpfung durch Hotelketten. Mit einem Bötchen setze ich über den Fluss, auf staubigen Wegen gelangt man zunächst auf die griechisch-römischen Anlagen von Kaunos mit dem bekannten Kanon von baulichen Zeugnissen: Agora, Theater und Stadion, weiter unten die ehemaligen Hafenanlagen. Von dort sind es nochmal ein paar Radminuten, bis man unter den erhabenen Felsengräbern in der senkrechten Wand steht. Da der Zugang geschlossen und verriegelt ist, besuche ich den benachbarten Friedhof, lege ein paar Wiesenblumen auf unbekannten Gräbern nieder und klettere an einer niedrigen Stelle über den Zaun. Kein Mensch weit und breit – Vögel und Frösche und Insekten, Wind in den Bäumen über mir diese uralten super erhaltenen Mausoleen. Ein paar Esel grasen auf dem Friedhof. Die Schatten werden länger. Dalyan ist super. Den Strand habe ich nicht gesehen, dem Vernehmen nach mit der schönste Strand der ganzen Türkei.

 

Seit 2014 hat ein türkisches Unternehmen "Dalcev" den Strand gepachtet, Geschäftsführer von Dalcev ist ein gewisser Ramazan Oruc, bekanntes Mitglied von Erdogans AKP, die leider an der Regierung ist. Die Bevölkerung versucht die Baumaschinen mit Sitzblockaden aufzuhalten und mit Petitionen den Erhalt des Strands zu erstreiten.

Ich wünschte ich könnte mehr tun als nur die Daumen drücken

 

3 Städte und dazwischen hübsche Landschaften: Weiße Häuser in Bodrum Markt und Waschmaschinen-Feuerinferno in Datca und ein perfekter Hafen und ein perfekter Move in Marmaris. Dazwischen Meer und Frühling

Dalyan - bzw Kaunos, bzw was davon übrig ist. Felsngräber - und eine Schildkröte - wenngleich nicht die unechte Karettschildkröte, die hier aktiven Landschaftschutz betreibt.

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Kommentare: 3
  • #1

    Helmut Hannus (Samstag, 30 März 2019 10:18)

    Die, die damals den Plan für den Hotelbau am Strand zwischen den Unechten Karetten unterstützt haben, das war die GTZ, mein Arbeitgeber in China und der Türkei. Später, nachdem das Projekt gestoppt war, haben sie sich sehr geschämt - zu Recht!
    Gute Fahrt - güle, güle! (falls Du die Übersetzung vergessen hast: mit einem Lächeln - wenn der Wind aufhört und das Dolmus kommt)

  • #2

    Gigi (Samstag, 30 März 2019 15:47)

    Danke für die Schildkröten :-)
    Öpüyorum
    G

  • #3

    Lips (Mittwoch, 03 April 2019 11:51)

    Lieber Stefan, ganz offensichtich fehlen dir meine mahnenden, spieserhaften Blicke, die regelmäßig versucht haben, deinen pyromanischen Eifer zu bremsen...
    Wobei so erfolgreich waren diese auch nicht, wenn ich nur an das glühende, feuerspeiende Ofenrohr eines Pizzaofens denke, der ganz vorsichtig ans Feuer gewöhnt werden sollte!
    P.S.: Deine Fotos werden immer toller.